Staatsgestüt Kisbér

Nach der Revolution 1848 wurde das Gestüt von Österreich konfisziert. Der damalige Besitzer Graf Kasimir Batthyany wurde während der Revolution hingerichtet und sein Besitz wurde zum Eigentum vom ungarischen Staat. Die Gebäude und alle anderen Anlagen waren in einem desolaten und verwahrlosten Zustand, welche von Franz von Ritter ohne große Geldmittel wieder in Ordnung gebracht werden sollten.
Gegründet am 1. Oktober 1853 unter staatlicher Verwaltung mit dem Ursprungsgedanken den ständig wachsenden Bedarf an Heeresremonte zu sichern und Hengste für die Landespferdezucht zu stellen. Das Gestütsgelände war nicht sehr übersichtlich: von zwei Seiten begrenzt durch die gleichnamige Stadt Kisbèr, die gestütseigenen Felder und Wiesen unterbrochen von den Äckern der dortigen Bauern.

Anfänglich bildete sich eher eine Mischzucht aus verschiedenen Rassen. Zum einen mit 22 englischen und arabischen Vollblütern vom aufgelösten csapodyschem Gestüt Berky – die Tiere waren nicht von bester Qualität, aber trotz des Vollbluthengstes Deerslayer auch nicht teuer – und zum anderen mit verschiedenen Hengsten aus den anderen Staatsgestüten.

1856 erkrankten erst die Pferde eines Bauunternehmers an Influenza und daraufhin auch die Zuchtpferde. Zum Glück musste das Gestüt nur einen Todesfall vermerken: den am 31.12. eingegangenen Vollbluthengst Grapshot

1859 brach der Rotz aus und kostete 40 Pferden das Leben.

Im Oktober 1862 brannte der gerade fertiggestellte Laufstall in Pula nieder und starben 13 Mutterstuten. Pula wurde 1884 zum Arbeitsgestüt.

1869 ging Kisbér in den Eigentum der ungarischen Krone über und wurde unter die neue Leitung von Franz Kozma gestellt. Dieser stellte ein klares Zuchtziel auf:
Reitpferde von höchster Eleganz und Leistungsfähigkeit (das Kisberer Halbblut, wobei die Vaterlinie meist aus Vollblütern bestand) und wertvolles Vollblut für die Rennbahn. Bereits 1870 konnte man ein verbessertes Zuchtergebnis erkennen.
Im gleichen Atemzug löste die ungarische Krone das Gestüt für eine Summe von 1700000 fl. Von der Batthyany Familie ab, damit es auch juristischer Besitz der Krone ist.

1860 wurde ein eigener Trainingsstall für den Rennsport eingerichtet, welcher allerdings bereits 1867 wieder eingestellt wurde. Franz Kozma ließ auf der eigenen Rennbahn später die Leistungsprüfungen abhalten, welche es bis 1868 noch nicht gab. Ausserdem veranlasste man eine jährliche Auktion der Jähringshengste. Allerdings durften die Pferde nur von Mitgliedern des Landes ersteigert werden, welche sich verpflichteten kein der dort erworbenen Pferde ins Ausland zu verkaufen oder auch nur auszuleihen.

Ab 1913 verringerte man den Vollblutbestand auf 23 Mutterstuten und konzentrierte sich eher darauf, den staatlichen Einfluss auf die Vollblutzucht des Landes mit der Bereitstellung von Hengsten zu begrenzen. Zwischen den zwei Weltkriegen wollte man mit dem Trakehner Széplak von Tempelhüter das Kisbére Halbblut etwas kräftiger werden lassen. Széplak bildete daraufhin seinen eigenen Stamm. Ab 1921 nahm man vermehrt Halbbluthengste aus der eigenen Zucht und aus Mezöhegyes den Hengst Furioso XXXIII (geb. 1916). Dieser vererbte leider nicht nur seinen guten Charakter, sondern auch sein nicht so gutes Exterieur.

Die Decksaison lief vom 16. Februar bis 16. Juni und in der Abfohlzeit wechselte man alle zwei Monate den Stall um diesen zu reinigen und zu entseuchen. Man beugte somit die schwere Lungenkrankheit vor, deren viele Fohlen bereits zum Opfer fielen.

1961 vereinigte man Kisbér mit dem Agrarkombinat Bábolna und stellte erneut auf ein reines Vollblutgestüt um. Die Sportpferde wurden in die Gestüte Sárvár und Sütveny verlegt.
1975 gab es 210 Kisber Mutterstuten.

Ab 1986 wurde die Zucht der alten Rasse im Gestüt Pußtaberény (zum Gut Balatonfenyves gehörend) im geringen Umfang fortgeführt. In Kisbér selbst stehen keine Pferde mehr.

Zwei der bedeutesten und bekanntesten Vollbluthengste sind fest mit Kisbér verbunden:

Buccaneer, Kastanienbraun, 169cm *1857 in England, seit 1865 in Kisbér, gestorben 13.4.1887
von Wild Dayrell aus der Little Red Rover Mare
Ein Jahr nach seinem Verkauf von England nach Ungarn bemerkte man die guten Zuchterfolge seine Nachkommen auf der Rennbahn. Jeglicher Versuch von England den Hengst wieder zurückzukaufen scheiterte, da Ungarn natürlich ebenfalls bemerkte, was für ein Glück sie hatten.
Er war Mitbegründer der ungarischen Vollblutzucht. Zwar war Buccaneer keine Schönheit und dank eines störenden Überbeins auch nicht erfolgreich auf der Rennbahn, aber dafür waren es seine Nachkommen. Allein in Ungarn war er Vater von 371 Vollblütern.
Zu seinem Abscheiden möchte ich aus dem Buch „Ungarn Pferdezucht in Wort und Bild Band 1“ von Graf C. G. Wrangel zitieren:

Erst 1885 begann er schnell und auffallend unter der Last der Jahre zusammenzubrechen. Bald war der früher so stolze und siegesbewusste Recke in eine jammererregenden Erscheinung verwandelt, welche man schon aus Achtung vor dem für immer an den Namen Buccaneer geknüpften Erinnerungen nicht länger Gegenstand des allgemeinen Mitgefühls fortvegetieren lassen durfte. Es wurde daher bestimmt, dass "der alte Herr" am 13. April 1887 "behufs Vertilgung dem k. u. Tierarznei-Institute zu Budapest übergeben werden sollte". Der Weg vom Kisbérer Pépinière-Stall bis zu Bahnstation ist nicht weit. Trotzdem brauchte der lebensmüde Buccaneer, der auf diesen seinen letzten Gang das Ehrengeleite des Gestütskommandanten erhielt, geraume Zeit, bevor er den bereitstehenden Waggon erreichte. Nachdem der Kommandant dem mitfolgenden Tierarzt noch einmal ans Herz gelegt hatte, ja darauf zu achten, dass dem "Alten" die schwere Stunde möglichst erleichtert werde, wurde der Befehl gegeben, die Waggontür zu schließen. Bis dahin hatte Buccaneer alles stumpf und gleichgültig mit sich geschehen lassen. Als aber die Tür zugeschoben wurde, schien er zu begreifen, dass jetzt der Moment gekommen sei, Abschied zu nehmen von Kisbér, von der Stätte seines Wirkens und seiner Triumphe. Sich zusammenraffend hob er den ergrauten Kopf in die Höhe und wieherte laut und kräftig in die laue Frühlingsluft hinaus. Das war Buccaneer's letzter Gruß an Kisbér.“

Sein wohl bekanntester Sohn Ist Kisbér, ein brauner Hengst aus der Mineral von Rataplan.
1874 wurde er auf der Jährlingsauktion nach England verkauft und wurde dort ein international erfolgreiches Rennpferd. Er wurde langfristig von züchterischer Bedeutung in der Vollblutzucht und bildete den Ausgangspunkt einer wichtigen Zweiglinie.
Über seinen Sohn Illó konnte er sich sogar in die Noniuszucht eingliedern.

Cambuscan, Fuchs *1861 in England, seit 1872 in Kisbér, gestorben 13.7.1882
von Newminster aus der The Arrow von Slane
Auch er war nicht erfolgreich auf der der Rennbahn gewesen, aber seine Nachkommen.

Seine wohl berühmteste Tochter ist die Wunderstute Kincsem, dkl Fuchs mit Stern, 168cm *1874, gestoben 17. März 1886. Sie erlag in 54 Rennen keine einzige Niederlage.
Ihr Skelett ging an die Budapester Tierarzneiistitute und ihre Hufe, die die meisten Vollblüter nur von hinten sahen, wurden an den Besitzer und Züchter übergeben.

 

     
 

 

(Stand 11.12.2015)

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